Licht ins Dun­kel

Licht ins Dunkel bringen: Eine zentrale Aufgabe von FürthWiki (Foto: Ralph Stenzel)

Licht ins Dun­kel brin­gen: Ei­ne zen­tra­le Auf­ga­be von Für­thWi­ki

Mei­ne bei­den Groß­vä­ter sind im Krieg ge­we­sen: Der Opa vä­ter­li­cher­seits war Teil­neh­mer des Ruß­land-Feld­zu­ges (»nur als Kraft­fah­rer«, wie ei­ner sei­ner Söh­ne – mein On­kel – vor Jah­ren zu re­la­ti­vie­ren trach­te­te), der Opa müt­ter­li­cher­seits dien­te als Mit­glied ei­ner Pro­pa­gan­da-Kom­pa­nie im We­sten (und brach­te Sei­den­stof­fe, Schall­plat­ten und an­de­re Kost­bar­kei­ten aus Pa­ris im Ur­laub mit nach Hau­se, wie mei­ne Oma zu be­rich­ten wuß­te). Über das Aus­maß ih­rer per­sön­li­chen schuld­haf­ten Ver­strickung ist mir von bei­den Ah­nen nichts be­kannt: Zu ih­ren Leb­zei­ten war ich zu jung, um kri­ti­sche Fra­gen stel­len zu kön­nen, nun wer­de ich es wohl auch nicht mehr her­aus­fin­den. Egal, als Teil der Hit­ler­schen Kriegs­ma­schi­ne­rie wer­den sie bei­de nicht mit gänz­lich sau­be­ren Hän­den (und rei­nen Ge­wis­sens) aus den zwölf Jah­ren der Na­zi-Dik­ta­tur her­aus­ge­kom­men sein...

Was wür­de ich wohl tun, wenn sich doch noch her­aus­stell­te, daß der ei­ne Opa bei­spiels­wei­se ein Kriegs­ver­bre­cher und der an­de­re mei­net­hal­ben ein schä­bi­ger Pro­fi­teur vom Un­glück ideo­lo­gisch Ver­folg­ter ge­we­sen war? Ich wür­de es je­den­falls im­mer be­grü­ßen, wenn die Wahr­heit ans Licht kä­me. Über fal­sches Ver­hal­ten zu rich­ten wür­de ich mir als in ei­ner jun­gen De­mo­kra­tie leid­lich in­dok­tri­na­tons­frei Auf­ge­wach­se­ner nicht her­aus­neh­men. Kei­nes­falls aber wür­de ich ob­jek­tiv be­leg­ba­re Um­stän­de und Tat­sa­chen zu ver­schlei­ern trach­ten, um mei­ne Vor­fah­ren »rein­zu­wa­schen« von den Sün­den der Ver­gan­gen­heit! Es gilt, die ob­jek­ti­ve (und ggf. un­be­que­me) Wahr­heit zu er­for­schen, um aus ihr zu ler­nen.

Da­mit aber schei­nen vie­le an­de­re Leu­te ih­re Schwie­rig­kei­ten zu ha­ben: Zu­ge­spitzt ge­sagt, scheint es mit Hit­ler, Go­e­b­bels, Gö­ring und Himm­ler nur vier »ech­te« Na­zis ge­ge­ben zu ha­ben, und al­le an­de­ren ha­ben im­mer nur so ge­tan, als wä­ren sie wel­che, um »Schlim­me­res zu ver­hü­ten«. Zahl­lo­se Mit­läu­fer und ‑tu­er ha­ben die Nach­kriegs­wir­ren zur Schö­nung der ei­ge­nen Bio­gra­phie ge­nutzt, und bei Lek­tü­re man­cher Zeit­zeu­gen­be­rich­te hat man re­gel­mä­ßig den Ein­druck, als wä­ren die Na­zis 1933 vom Him­mel ge­fal­len und hät­ten sich 1945 wie­der ver­flüch­tigt, ein ar­mes, ver­führ­tes und gänz­lich un­schul­di­ges deut­sches Volk zu­rück­las­send...

Wenn dank zeit­ge­mä­ßer Re­cher­che-Mög­lich­kei­ten un­schö­ne De­tails aus dem Le­ben von Men­schen »aus­ge­gra­ben« und be­legt wer­den kön­nen, die im öf­fent­li­chen Le­ben Fürths ei­ni­ges An­se­hen ge­nos­sen hat­ten und ei­nem Groß­teil der Be­völ­ke­rung zu­min­dest na­ment­lich be­kannt ge­we­sen wa­ren, dann ist es si­cher­lich ver­ständ­lich, wenn de­ren Nach­kom­men zu­nächst ver­stört auf un­ver­hoff­te »Ent­hül­lun­gen« in bio­gra­phi­schen Für­thWi­ki-Ar­ti­keln re­agie­ren. Sie soll­ten aber ver­ste­hen, daß die Chro­ni­sten­pflicht nicht das Ziel hat, das An­ge­den­ken Ver­stor­be­ner zu schän­den oder gar den noch le­ben­den Nach­kom­men Schuld­ge­füh­le auf­zu­bür­den: Ziel und Zweck un­se­res On­line-Le­xi­kons ist ein­zig und al­lein das Ver­füg­bar­ma­chen von be­weis­ba­ren Fak­ten.

Wir wer­ten nicht, wir do­ku­men­tie­ren. Falls da­durch alt­be­kann­te Per­sön­lich­kei­ten in we­ni­ger schmei­chel­haf­tem Licht er­schei­nen soll­ten als vor­her, so ist das kei­ne »He­xen­jagd«, son­dern im Ge­gen­teil das Re­sul­tat akri­bi­schen Ar­bei­tens nach wis­sen­schaft­li­chen Ge­pflo­gen­hei­ten. Dies wei­ter­hin und en­ga­giert zu tun sind wir den wah­ren Op­fern der »groß­deut­schen« Ver­gan­gen­heit schul­dig.

Dieser Beitrag wurde unter Grundsatzfragen abgelegt und mit , verschlagwortet. Permalink zum Artikel

Kommentare sind hier derzeit nicht zugelassen.